Über das Projekt

Standpunkt

Mehr als 5 Wochen bin ich ohne Geld durch Österreich gereist. Meine Erfahrungen lassen sich in ungefilterter Form im Tour-Tagebuch nachlesen. Es sind Bild- und Wortsplitter, kleine Ausschnitte, Andeutungen, Klarheiten und Verwirrungen, Schmerzensschreie und Freudentänze. Meine Reiseroute lässt sich äußerlich auf einer Landkarte nachvollziehen, sie möge jenen Inspiration sein, die eine Schwäche für ziellose Wanderungen haben, die einer inneren Schatzkarte folgen, die niemand je entschlüsseln kann.

Um die Geschichten, die wirklich erzählenswert sind und die Bilder, die mehr sagen als viele Worte, weiterzugeben, arbeite ich an einem Buch und an Vorträgen. Über die aktuellen Entwicklungen, wie man so sagt, halte ich Euch am Laufenden. Die nachfolgenden zwei Texte, bilden den scheinbaren Ausgangspunkt und Endpunkt einer Reise, die noch lange nicht zu Ende sein wird. Macht Euch auf, es zahlt sich in jedem Fall aus, nur nicht in finanzieller Hinsicht und gerade das ist das Schöne daran!

Erster Aufbruch

It’s better to burn out than to fade away. Neil Young

Im Juli 2013 gehen meine Ersparnisse langsam aber sicher zu Ende. Ich könnte noch ein paar Monate weiter wurschteln, oder auch gleich das Leben auf neue Beine stellen. Ich muss raus aus meiner lieb gewonnenen Komfortzone, soviel steht fest. Was ich brauche, ist die Luft der Landstrasse, ein Abenteuer, eine Mission. Ich, das Wohlstandskind, werde ohne Geld losziehen. 4 bis 6 Wochen lang, ohne einen Cent, durch ganz Österreich! Das klingt doch mal nach einem Plan. Was steckt hinter der Fassade der Wohlstandsgesellschaft? Wo erfährt man als mittelloser Tramp Hilfe und wo Ablehnung? Meine Kurz-Berichte, jenseits der Komfortzone, sind streng subjektiv gehalten und sind keineswegs der Versuch, allgemein gültiges zu verbreiten, zu brennenden Themen wie Reichtum oder Armut. Der Ausgang des Selbstexperiments ist völlig offen. Auch Scheitern ist eine Kunst, die gelernt sein will. Durch das Tour-Tagebuch weiß meine Tochter zumindest, wo ich gerade bin. Die besten Geschichten lege ich mir zur Seite, um bei Zeiten daraus ein schönes Buch zu basteln. Die veröffentlichten Photos, sollen nur einen kleinen Einblick bieten, wie es sich für mich so anfühlt, ohne eigenes Geld in Österreich unterwegs zu sein. Ich versuche viel Strecke zu Fuss zu bewältigen, bei Gelegenheit werde ich auch Trampen. No money makes my world go round!

PS: Wenn ihr mich halb verhungert am Straßenrand sehen solltet, würde ich mich freuen, wenn ihr mir einen Apfel zusteckt, oder ein Stück Schokolade. Oder doch eine gute Geschichte, das wäre mir am liebsten.

David Groß, Juli 2013

 

Zweiter Aufbruch

Im Wald zwei Wegen boten sich mir dar,
und ich nahm den, der weniger betreten war.
Und dies änderte mein Leben. Robert Frost

Ende August 2013 bin ich von meiner Wanderung nach Hause zurückgekehrt. In etwas mehr als 5 Wochen habe ich nicht einen einzigen, eigenen Cent gebraucht. Ein gutes Drittel der Strecke habe ich zu Fuß zurückgelegt, den Rest bin ich getrampt. Ich habe den heißesten Tag des Jahres erlebt und in 37 Tagen hat es nur zweimal geregnet. Am Ende ist mir das Zeitgefühl komplett abhanden gekommen und ich hätte noch Wochen lang weiterziehen können.

Kein Geld zu haben, wird zum Normalzustand, ebenso das Nachtlager  im Freien. Um Hilfe zu bitten wird zu einer Kunst, die ganz selbstverständlich ist. Meiner Erfahrung nach, haben die meisten Menschen Freude beim Teilen und geben gerne etwas umsonst her. Denn immer wieder bekommen sie etwas zurück, was man mit Geld nicht kaufen kann. Etwas, was Hunger und Durst stillen kann, auf einer nicht materiellen Ebene. Ich spreche von Geschichten.

Gute Geschichten sind heilsam, sind wie der Schatten eines Baumes, der den Wanderer, nach einem langen Gang durch glühende Hitze, mit tiefer Ruhe erfüllt. Wer sich auf den Weg macht, wer Ängste und Sicherheiten über Bord wirft, wer Menschen offen begegnet und alles aufsaugt wie ein Schwamm, der kann Geschichten erzählen, dass die Zuschauer aus dem Staunen nicht herauskommen.

Geld kann nie der Maßstab für die Qualität einer menschlichen Begegnung sein. Der Funke, der uns entzündet, die Momente der Klarheit und Schönheit, sind unbezahlbare Geschenke. So bin ich ausgezogen, ohne eigene, finanzielle Mittel, angewiesen auf die Freundlichkeit anderer Menschen. Eines weiß ich mit Sicherheit: Die leeren Taschen haben mein Herz reicher gemacht. Voller Dankbarkeit denke ich an die Menschen, die mir Gefährten waren, für zwei Tage, ein paar Stunden, oder einfach nur den einen magischen Augenblick an, wenn sich unsere Augen begegneten, in der Mitte eines Weges, dessen Ende noch lange nicht abzusehen ist.

Zurückkommen heißt für mich: Weitergehen, kämpfen, machen. Es gibt ein einziges Wort, in dem sich die Erfahrung meiner Wanderung bündelt, wie das Licht in einem Brennglas. Aufbrechen!

David Groß, September 2013